Ruhig fließend und stimmungsvoll

So könnte man wohl die Eucharistiefeier zu Peter & Paul am Samstagabend in der Klosterkirche zu Lorch beschreiben. Kein Wunder, war die Messe doch durchsetzt mit Schola-Gesängen, aber nicht damit überladen. Die Lieder für die Gemeinde waren behutsam in ein gregorianisches Gewand gehüllt worden und haben damit eine ganz eigene, unter die Haut gehende Tiefe erhalten. Gab diese Art des Singens und Spielens vor dem Herrn doch den Scholaren genauso wie den mitfeiernden Gemeindemitgliedern zwischen deren jeweiligen Einsätzen die Gelegenheit, dem Gesungenen nachzuspüren. Will man unbeleckten Mitmenschen den Gregorianischen Choral näher bringen, so muss man das wohl auf diese Art und Weise tun. 

Es sind eben nicht immer die bombastischen Messvertonungen und mehrstimmigen Kirchenlieder großer Meister der Kirchenmusik, ob sie nun gut evangelisch Bach oder katholisch Mozart heißen, sondern gelegentlich auch die uralten Gesänge eines gewissen Anonymus aus dem achten bis zwölften Jahrhundert, die den Gottesdienstbesuchern genauso wie kirchenfremden Zeitgenossen eine Gänsehaut angedeihen lassen. 

Man muss es auf sich wirken lassen, erstrecht in diesen alten Mauern, die ja gerade für diese Art von gesungenem Gebet erbaut worden sind. Mit Fug und Recht hatte der musikalische Leiter des Gottesdienstes, Harald Elser, die sangesgewaltigen und doch sehr einfühlsamen Männer auf die akkustisch unterstützende Wirkung der Architektur der Klosterkirche hingewiesen. Eine Orgel wäre eigentlich garnicht nötig gewesen, aber solange dieses, vom Anobium punctatum musicalis bewohnte Instrument noch einigermaßen funktioniert, sollte es auch bespielt werden. Im Vorfeld musste unser außerordentlich versierter Organist erst mal ein paar Züge und Schieber reparieren, um die Pfeifen, vor allem im Pedal, wieder erklingen zu lassen. 

Herr Pfarrer Nwabuife zeigte sich dann auch am Schluss des Gottesdienstes freudig überrascht von den entlockten Tönen, auch von denen des erweiterten Schola-Registers, das in Oktav-Stärke angerückt war.  

Dass die Klosterkirche den Apostelfürsten Peter & Paul geweiht ist, war Anlass genug, hier eine Messe an deren Hochfest zu feiern, hatten doch die Staufer als Stifterfamilie bestimmt, dass in der Kirche jedes Jahr eine Heilige Messe zu ihrem eigenen Seelenheil zu lesen wäre. Dieser Aufforderung kommt die katholische Kirche in Lorch seit Jahren gerne nach. 

Allein das mittelalterliche Ambiente der Anlage und die karg gehaltene Innenausstattung der Kirche lassen den Besucher, der hier der Andacht nachgeht, innehalten und sich auf das Wesentliche besinnen: Ganz bei sich und gleichzeitig ganz bei Gott zu sein. 

Ist das Kloster vielleicht doch ein Kraftort, wie ihn Esoteriker manchmal beschwören?! Am Samstag Abend war das mit Sicherheit so! Die der katholischen Kirche eigene, einmalige Schönheit der Liturgie gibt Kraft und lässt das Ewige, das in die Endlichkeit der Welt hineinragt erahnen. Die Schönheit ist eben der Glanz des Wahren! Und genau das will die Liturgie uns vermitteln. Sie erfüllt keinen Zweck im Eigentlichen, sondern soll bewusst aus allem Zweckgebundenen herausführen. Wer den Festgottesdienst zu Ehren der Apostelfürsten im Kloster Lorch mitgefeiert hat, der konnte genau das erleben. 

Dass ausgerechnet das profane Lorcher Rathaus den Tisch des Herrn mit einer Lieferung „Vino vom hendara Fässle“ aus der Toscana verlängert hat, ist bemerkens- und dankenswert gleichermaßen. Und so haben die ehrwürdigen Scholaren nicht nur auf den Heiligen Piotr und seinen Kameraden, sondern auch auf die Stadtoberen angestoßen.

Der am Rande „wissenschaftlich“ geführte Latein-Disput war da rasch beigelegt und aus dem „Großen Latinum“ wurde so sehr schnell ein noch „größeres Vinum“.

Ein schöner Schlussakkord in „Ess-Moll“ an diesem genauso schönen Sommerabend.

Bernhard Theinert
Erster Bariton, Zweiter Vorsitzender, gregorianischer Drittbrettfahrer und vierte Pfeife von rechts  

v.l.n.r.: Christoph Ziermann, Gerhard Mühr, Otto Schießl, Bernd Hummel
v.r.n.l.: Paul Becker, Hansi Radler, Michael Bildstein